Christliche Gehörlosen-Gemeinschaft

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Besuch bei einer gehörlosen Politikerin in Kapstadt/Südafrika

Porträt von Wilma, der ersten gehörlosen Parlamentarierin in Südafrika

Wilma, die südafrikanische gehörlose Parlamentarierin

Seit den Parlamentswahlen 1999 hat Südafrika eine farbige, gehörlose Parlamentarierin (entspricht in der Schweiz dem Stände- und Nationalrat). Sie heisst Wilma und ist die erste gehörlose Parlamentarierin von Südafrika.

Wilma und Bruno mit Kind vor ihrem Heim für Gehörlose

Wilma und Bruno mit Kind vor ihrem Heim für Gehörlose

Wilma ist etwas über 30 Jahre alt, für eine Parlamentarierin also sehr jung (wie viele Junge gibt es bei uns im National- und Ständerat ?). Sie ist Mischling von weissen und farbigen Eltern, mit drei Jahren ertaubt, verheiratet mit Bruno Newhoudt, geburtsgehörlos und ebenfalls Mischling. Das Ehepaar Newhoudt-Druchen hat ein Kind.

Wilma (und auch ihr Ehemann) sind in sehr schwierigen Verhältnissen aufgewachsen. Damals gab es in Südafrika noch den Apartheid (Trennung zwischen Weissen und Farbigen). Alle Farbigen, egal ob Afrikaner, Asiaten oder Mischlinge, waren stark benachteiligt. Sie wurden nicht als Menschen, sondern als Lebewesen 2. Klasse behandelt.

Wenn ein Farbiger auf der Strasse einem Weissen begegnete, musste der Farbige den Weissen immer mit gesenktem Kopf grüssen. Sonst kam er sofort für mehrere Jahre ins Gefängnis. Der Weisse aber musste den Farbigen nicht einmal beachten.

Private Kontakte zwischen Weissen und Farbigen waren zeitweise verboten.

Das heisst, wenn ein Farbiger mit einem Weissen Kontakt hatte und dabei von der Polizei beobachtet wurde, kam der Farbige ins Gefängnis. Und zwar für viele Jahre, bis zu 20 Jahren! Dem Weissen geschah nichts. Egal wer recht hatte, ins Gefängnis kam immer der Farbige.

Bruno erzählte: Sein weisser Grossvater liebte eine Farbige. Damals war es unmöglich, zu heiraten. Sonst wäre die Frau ins Gefängnis gekommen, der Mann wäre von seiner Familie ausgestossen worden. Was tun? Damals mussten Farbige spätestens 20.00 Uhr zu Hause sein. Wurden sie nach 20.00 Uhr auf der Strasse angetroffen, kamen sie ins Gefängnis. Die Frau konnte also am Abend den Mann nicht besuchen. Dafür ging der Mann zur Frau, blieb bei ihr bis früh am Morgen und kehrte wieder heim.

Draussen auf der Strasse konnten sie sich nicht zeigen, sonst wäre die Frau ins Gefängnis gekommen. Nur wenn es stark regnete, konnten sie einen Spaziergang zusammen machen. Denn bei starkem Regen kam normalerweise keine Polizeikontrolle.

Einmal regnete es stark. Beide gingen hinaus. Da kam trotzdem ein Polizeiauto. Fliehen war nicht möglich. Also was tun, damit die Frau nicht ins Gefängnis kam? Der Mann verprügelte die Frau auf der Strasse – seine eigene Ehefrau, schrie sie an und schimpfte mit ihr. Die Polizei fuhr langsam vorbei, ‹genoss› das ‹Schauspiel›, sagte ‹Bravo, nur weiter so, zeigen Sie es ihr› und fuhr dann weiter. Erst als das Auto ganz verschwunden war, konnte der Mann aufhören, seine Frau zu schlagen...solche schrecklichen Dinge waren damals normal.

Es gab getrennte Busse, Busse nur für Weisse, die fleissig verkehrten, und Busse für Farbige, die oft stundenlang nicht fuhren. Es gab getrennte Postbüros. Poststellen für Weisse gab es viele. Die Farbigen mussten oft 200 km zurücklegen zum nächsten Postbüro für Farbige. Wollten sie bei einer ‹weissen› Post vorbeigehen, wurden sie verhaftet.

Auch die Gehörlosen waren vom Apartheid betroffen. Es gab fast nur Schulen für weisse Gehörlose. Die Farbigen hatten fast keine Bildung und waren meist arm. Es gab Vereine für weisse Gehörlose. Und Vereine für farbige Gehörlose. Die weissen Gehörlosen sprachen eine andere Gebärdensprache als die farbigen. Kontakte zwischen den beiden gab es nur heimlich. Und beide Gruppen verstanden sich nicht, so verschieden waren die Gebärden. Kamen gehörlose weisse Touristen ins Land, und wollten sie mit farbigen Gehörlosen plaudern, wurde es für die farbigen Südafrikaner gefährlich. Sah es die Polizei, kamen sie sofort ins Gefängnis. Oft haben weisse gehörlose Touristen die farbigen Gehörlosen ahnungslos in grosse Gefahr gebracht.

Noch viel Schlimmes ist während des Apartheid passiert. Doch heute sagen Bruno und Wilma: das alles ist vorbei. Wir wollen in die Zukunft schauen. Wir sind nicht böse auf die Weissen. 1994 kam Nelson Mandela frei und wurde der erste farbige Präsident von Südafrika. Dann hat man eine ‹Wahrheitskommission› gegründet. Sie wurde von Erzbischof Desmond Tutu geleitet. Erzbischof Tutu hat dafür den Friedensnobelpreis bekommen. Vor der Wahrheitskommission konnten die Farbigen erzählen, was sie alles erleiden mussten. Sie konnten ‹abladen›, ihren Zorn aussprechen.

Bruno und Wilma finden, die Wahrheitskommission war eine sehr gute Idee. Sie hat ermöglicht, dass die Farbigen ihre psychischen Belastungen ablegen konnten. So haben sie heute keine Rache- und Bitterkeitsgefühle mehr. Auch viele farbige Gehörlose haben vor der Kommission ausgesagt.

Das alles tönt sehr einfach. Es zeigt nur die Meinung von Bruno und Wilma. Ob alle Südafrikaner so denken? Ich glaube nicht. Aber das ist ein anderes Thema. Schauen wir uns an, wie Wilma die erste gehörlose Parlamentarierin Südafrikas geworden ist!

Wilma und Bruno hatten beide Glück. Ihre Eltern hatten etwas Geld und konnten sie zur Schule schicken. Anfangs 90-er Jahre reisten Wilma und Bruno, damals noch nicht miteinander bekannt, nach Washington an die Gallaudet Universität. Sie durften ausreisen, weil sie nie politisch aktiv waren und die Apartheid-Regierung nie kritisiert hatten. Die USA waren zuerst ein Reisenschock für sie. In Südafrika hatten sie nichts anderes gelernt, als: Der Schwarze ist kein Mensch. Er ist nur eine Art ‹besseres Tier›. Der Weisse ist besser, stärker, gescheiter, usw...In Amerika waren die Schwarzen zwar auch ein wenig benachteiligt.

Im Vergleich zu Südafrika aber lebten die Schwarzen wie im Paradies. Bruno und Wilma fielen fast in Ohnmacht: da gab es Schwarze, die zahlten einem weissen Kellner oder einem weissen Taxifahrer Trinkgeld!!! Da gab es schwarze Chefs, die bezahlten eine weisse Putzfrau!!! Das gibt’s doch nicht!!!...Langsam lernten Wilma und Bruno: Wir Schwarzen sind vollwertige Menschen.

Und am Gallaudet lernten sie noch mehr: Auch die Gehörlosen sind vollwertige Menschen. Beide lernten viel über Gehörlosenkultur, Geschichte, Probleme, Gebärdensprache und so weiter. 1994 hörte der Apartheid in Südafrika auf. Zeit für Bruno und Wilma, zurückzukehren. Denn jetzt waren die Farbigen in Südafrika frei. Jetzt konnten auch Bruno und Wilma den farbigen Gehörlosen helfen. Sie begannen, unter farbigen Gehörlosen zu arbeiten, Aufklärung über Gehörlose und Öffentlichkeitsarbeit zu machen, das Selbstbewusstsein der Gehörlosen zu fördern und ihre Persönlichkeiten zu entwickeln. Sie nahmen Kontakt auf mit allen farbigen Behinderten-Organisationen.

Wilma wurde Mitglied im ANC, der politischen Partei von Nelson Mandela und ab den freien Wahlen von 1994 stärkste Partei in Südafrika. 1999 waren zum zweiten Mal Parlamentswahlen (immer alle fünf Jahre, erstmals 1994). In Südafrika wählt man nur Parteien, nicht Personen. Man kann also nicht wählen: ‹Ursula Koch, SP› oder ‹Franz Steinegger, FDP›. Man kann nur die Partei wählen, nur ‹SP› oder ‹FDP›.

Dann wird gezählt: wieviele Sitze bekommt jede Partei. Dann kann die Partei selber Leute auf ihre Sitze verteilen. Eine Behindertenorganisation schlug dem ANC vor: er soll auch Behinderte ins Parlament nehmen. Sie schlug dem ANC fünf Behinderte vor: Zwei Sehbehinderte, zwei Körperbehinderte und die gehörlose Wilma. Der ANC war einverstanden. Er sagte: Wenn wir genug Sitze gewinnen, können die fünf Behinderten ins Parlament.

Der ANC machte eine ‹Rangliste›. Wilma war dort als Nr. 76 aufgeführt. Der ANC gewann 226 Sitze (von total 400). Die Nrn. 1 – 226 der ‹Rangliste› kamen ins Parlament. Wilma als Nr. 76 wurde also ‹spielend› gewählt. Wilma sagte: Dieses Wahlsystem war ein Vorteil. Wilma musste keinen Wahlkampf machen. Sie brauchte kein Geld. Die Partei machte den Wahlkampf. Vielleicht wird nächstes Mal bei den Wahlen von 2004 das Wahlsystem geändert. Dann wählt man vielleicht Personen wie bei uns, nicht mehr nur Parteien. Dann müsste Wilma Wahlkampf machen. Das wäre sehr teuer. Wilma meint, sie hätte dann zu wenig Geld.

Also will sie von den fünf Jahren als Parlamentarierin so viel wie möglich profitieren.

Die Parlamentarier in Südafrika sind Vollberufs-Parlamentarier. Wilma konnte nicht glauben, dass die Schweizer National- und Ständeräte nur ‹Freizeit-Politiker› sind. Wilma ist in einer Kommission, in der Kommunikationskommission. Das passt zur Hörbehinderung. Für ihre Arbeit hat Wilma rund um die Uhr zwei voll bezahlte Gebärdensprach-Dolmetscherinnen. Die beiden werden zum Teil vom Staat, zum Teil vom ANC bezahlt. Und Ehemann Bruno ist der offizielle Chauffeur für Wilma, auch vom ANC bezahlt (stundenweiser Einsatz, nur wenn nötig).

Im Parlament und in den Kommissionen spricht Wilma immer nur Gebärdensprache. Die Dolmetscherinnen können voicen. Zwar hat Wilma eine gute Stimme und eine gute Lautsprache, da sie mit drei ertaubt ist. Aber Wilma benützt ganz bewusst und absichtlich nie die Lautsprache im Parlament. Sie will den hörenden Mit-ParlamenttariernInnen die ‹echten› Gehörlosen vorspielen.

Das Parlament tagt in Kapstadt, die Regierung in Pretoria. Es gibt viele Reisen und viel Austausch. Wilma ist viel unterwegs. Sie hält viele Vorträge über die Gehörlosen.

Vor allem für die farbigen gehörlosen ist die Situation immer noch schlecht. Es hat in ganz Südafrika erst 37 Gehörlosenschulen – viel zu wenig, vor allem für Farbige. Es braucht noch viel Aufbauarbeit. Viele Gehörlose sind ohne Bildung – fast alles Farbige. Viele sind arbeitslos – fast alles Farbige. Auch heute noch gibt es einen grossen sozialen graben zwischen farbigen und weissen Gehörlosen. Nur wenige weisse Gehörlose haben Kontakt mit den farbigen Gehörlosen. Theoretisch sind jetzt Weisse und Farbige gleichgestellt. Aber es funktioniert noch nicht im Alltag.

Südafrika hat elf Landessprachen. Das macht die Sache kompliziert. Die Gebärdensprache ist nicht offiziell als Landessprache anerkannt. Aber es steht in de südafrikanischen Verfassung: Der Staat muss die Gebärdensprache fördern. Das ist zwar keine Anerkennung als Landessprache, aber es ist ein Auftrag an Regierung und Parlament, die Gebärdensprache zu fördern, in den Gehörlosenschulen zu unterrichten usw. Damit ist Südafrika eigentlich viel besser dran als die Schweiz!

Aber Gebärdensprachforschung, Gehörlosenkultur, Dolmetscherausbildung usw. sind erst am Anfang. Auch Untertitel gibt es noch nicht viele. Ein Anfang ist gemacht. Und Wilma hat noch bis zu den Wahlen von 2004 Zeit, Informationen und Vorträge über die Probleme der Gehörlosen zu machen, die Öffentlichkeit für die Gehörlosen zu sensibilisieren und eine gehörlosengerechte Politik zu machen.

Heim für Gehörlose

Ehemann Bruno leitet das erste und bis jetzt einzige ‹Sozialheim› für Gehörlose. Es wurde von der katholischen Kirche gebaut und heisst ‹katholisches Heim für Gehörlose›. Es wird aber nicht von der Kirche, sondern vom Staat betrieben und finanziert. Dort können Gehörlose mit Problemen Hilfe bekommen: Arbeitslose, Vereinsamte, Drogenabhängige, Gehörlose auf Stellensuche, mit Problemen mit Behörden usw. Es ist ein wenig ähnlich wie eine Beratungsstelle für Gehörlose mit Internat. Bruno und Wilma wohnen auch dort.

im Heim: Der Essraum

im Heim: Der Essraum

Deafsa

Viele Gehörlose profitieren auch von der Deafsa. Das ist eine Art ‹SGB für Farbige›. Weisse hat es dort nur sehr wenige. Die Weissen haben eigene Organisationen. Bei der Deafsa arbeiten fast nur Farbige. Sie machen etwa dasselbe wie der SGB: Selbsthilfe. Auffällig: die meisten Angestellten der Deafsa sind auch in einer Freikirche, wie in der Schweiz die CGG. Deafsa ist so etwas wie SGB und CGG zusammen. Auch diese Organisation ist neu und alles ist im Aufbau. Leiter ist ein farbiger, hörbehinderter Pastor. Er hat sehr viel zu tun. Es wird noch Jahre dauern, bis die Farbigen in Südafrika ähnlich gut gestellt sind wie die Weissen.

Aus der Gemeinschaft April 2000