Christliche Gehörlosen-Gemeinschaft

CGG Schweiz

Quick-Links

Zu Besuch bei Gehörlosengemeinden in den USA. Ein Reisebericht

Im Juli 1998 waren Daniel Fenner, Mirjam Hiltebrand, Willi und ich in den USA in den Ferien. Diese Gelegenheit nützten wir auch, um verschiedene Gehörlosengemeinden kennenzulernen. Bevor wir nach Amerika abreisten, schauten wir im Internet, wo es Gehörlosengemeinden gibt und druckten die Adressen und Informationen aus.

Open Bible Deaf Church in College Park, Maryland

In der ersten Woche wohnten wir in der Gallaudet University in Washington D.C. An unserem ersten amerikanischen Sonntag fuhren wir mit unserem Mietauto nach College Park im Staat Maryland (nördlich von Washington, etwa 1/2 Stunde mit dem Auto) zu einem Gehörlosengottesdienst.

Zuerst verfuhren wir uns, weil Dani den Stadtplan falsch gelesen hatte. Trotzdem kamen wir pünktlich bei der Kirche an (schliesslich sind wir ja «überpünktliche» Schweizer). Aber es waren keine Gehörlosen dort. Wir dachten: wir haben falsche Informationen bekommen. Aber zum Glück konnte uns ein hörender Mann Auskunft geben. Die Bibelstunde der Gehörlosengemeinde fängt erst eine halbe Stunde später an. Grund: Ferienzeit.

Wir warteten und übten eifrig ASL. Schliesslich wollten wir auch etwas von der Predigt verstehen können. Endlich kam ein Gehörloser und stellte sich vor. Es war Bill Tipton. Er leitete an diesem Tag die Bibelstunde und den Gottesdienst. Nach und nach kamen auch andere Gehörlose. Wir konnten unsere ASL-Kenntnisse anwenden und freuten uns, dass die Verständigung so gut klappte.

Bill hielt zuerst mit einigen Jugendlichen eine Bibelstunde. Die Erwachsenen durften dabei zuschauen. Es kamen immer mehr Gehörlose, und als nach der Bibelstunde der Gehörlosengottesdienst anfing, waren wir schon ca. 15 Gehörlose. Normalerweise besuchen mehr Gehörlose diese Gemeinde, aber im Juli waren viele in den Ferien.

Der Gottesdienst fing mit einem lauten Lobpreis an! Bill liess eine Musikkassette laufen. Die Musik wurde mit Lautsprechern verstärkt und es war so laut, dass man den Takt der Musik gut spüren konnte. Bill erzählte uns: Nicht alle Gehörlosengemeinden machen das so. Er kennt noch eine andere Gehörlosengemeinde, die auch so laute Musik macht. Wir sangen im Takt Gebärdenlieder. Manchmal fragte uns Bill nach den schweizerischen Gebärden und baute sie im Lied ein. – Das war eine ganz neue Erfahrung für uns, wie Gehörlose mit Musik Lobpreis machten. Ich bekam Lust, das einmal in Steffisburg auszuprobieren.

An diesem Tag hatten diese Gehörlosengemeinde einen Gastprediger, weil ihr Pastor in den Ferien ist. Der Gastprediger war Mike Akinosi aus Nigeria. Er sprach über das Thema: Jesus liebt dich. Willi musste Mike als ‹Vorzeige-Objekt› dienen. Denn Willi hatte an diesem Sonntag das weisse CGG-T-Shirt mit dem «Jesus liebt dich!»-Aufdruck auf dem Rücken angezogen.

Mike brauchte für seine Predigt ein paar ausgewählte Bibelverse:

Gott liebt uns Johannes 3,16, Römer 5,8, 1. Johannes 4,10

Jesus hat sich selbst für unsere Sünden gegeben: Galater 1,4

Jesus ist gekommen, um uns zu retten: Lukas 19,10

Jesus ist deine Gelegenheit: Johannes 1,12

Jesus ist deine einzige Hoffnung:Johannes 3,36, Apostelgeschichte 4,12

Nach dem Gottesdienst luden die gehörlosen Christen uns zu einem Essen in einem sehr guten mexikanischen Restaurant ein. Dort konnten wir uns noch besser kennenlernen. Bill bot uns ganz spontan an, uns am Nachmittag nach Baltimore zu fahren und den Hafen dort zu zeigen.

In der Fremont Deaf Church (Nähe San Francisco)

Nach unserer Woche in Washinton reisten wir mit dem Flugzeug weiter nach Los Angeles und fuhren mit einem Mietwagen Richtung San Francisco. Dort in der Nähe gibt es in Fremont eine grosse Gehörlosengemeinde. Diese Gehörlosengemeinde ist an einer hörenden Gemeinde angeschlossen. Interessant: Diese hörende Gemeinde heisst (übersetzt) Freie Evangelische Gemeinde! Genau wie in Steffisburg! Beide Gemeinden haben zur gleichen Zeit Gottesdienst. Die Hörenden in ihrer Kirche und die Gehörlosen in ihrer eigenen Kirche (das Gebäude nebendran)! Ihr Pastor ist in der Gemeindeleitung der hörenden Gemeinde.

Wir nahmen Platz. Schon bald wurden die Leute auf uns aufmerksam und fragten uns, von wo wir kommen. Eine Frau namens Lucy Luk zeigte Dani ein Blatt Papier. Dort standen die Namen von uns vier SchweizerInnen. Lucy fragte, ob wir diese vier Personen sind? Dani merkte: Das war ein Papier-Ausdruck von einem E-Mail von einem Mitglied der Gehörlosengemeinde in Maryland. Aha: da hat jemand übers Internet gemeldet: «Vier gehörlose Schweizer waren bei uns in Maryland zu Besuch. Nächsten Sonntag kommen sie nach Fremont...» Auch Lawrence Vollmar, der Pastor der Gehörlosengemeinde von Fremont, begrüsste uns und fragte sogleich nach Hans Hermann. Er kennt unseren Hans aus der CGG! Wir fanden auch heraus, dass er Josef und Irene Schmid aus Deutschland kennt und dort schon die Gehörlosengemeinden besucht hatte.

Pastor Vollmar predigte über den Psalm 23,4:

Ich fürchte kein Unglück, denn du (der gute Hirte =Gott) bist bei mir. Dein Stecken und dein Stab trösten mich.

An diesem Sonntag predigte er über den Stecken des Hirten. Zwei Wochen später (nach Programm) hat er über den Hirtenstab gepredigt. Eine ganze Predigt nur zum Thema «Stab»! Die Predigt war sehr gut und interessant. Pastor Vollmar fragte uns Schweizer, ob wir gut ASL können. Wir konnten nicht so gut. So brachte er uns vier Papierkopien seiner Predigt, auf Englisch geschrieben. Die Gehörlosengemeinde in Fremont ist ähnlich aufgebaut wie in Steffisburg. Verschiedene Gehörlose haben einen Dienst. Jemand machte die Einleitung, drei Frauen waren für die Lieder zuständig. Sie sangen mit uns allen. Eine weitere Person sammelte das Opfer ein. Hier sieht man: Der Leib Jesu besteht aus verschiedenen Gliedern, jedes hat eine Aufgabe.

Fremont unterstützt die christliche Gehörlosenarbeit in Cochabamba (Bolivien). Sie schicken Leute nach Bolivien. Kurz nach unserem Besuch dort wurde wieder ein Gehörloser aus Amerika nach Cochabamba ausgesandt.

Nach dem Gottesdienst wollten fast alle Gehörlose unsere E-Mail-Adressen wissen und uns auch zum Essen einladen. Wieder ging es in ein mexikanisches Restaurant. Es scheint, dass die amerikanischen Gehörlosen gern mexikanisch essen!

Die Frau des Pastors arbeitet als Gehörlosenlehrerin in der Gehörlosenschule Fremont. Sie zeigte uns am Nachmittag die Schule.

Zwei gehörlose Geschwister aus Hongkong (ihre Familie ist von Hongkong in die USA ausgewandert) luden uns zu sich nach Hause nach San José ein. Wir durften zweimal bei Lucy und Chris Luk übernachten. Lucy machte mit uns einen Ausflug nach San Francisco und zeigte uns die interessante Stadt.

Nach diesen zwei schönen Tagen reisten wir alle weiter in die Nationalparks. Dort im Südwesten der USA haben wir keine Gehörlosengemeinden gefunden. Aber wir haben Gottes Führung und Bewahrung erlebt.

Ein Gottesdienst in der Church on the Rock, Rockwall (bei Dallas)

In unserer letzten USA-Woche waren wir nur noch zu dritt. Daniel Fenner reiste nach Hause, da er wieder arbeiten musste (seine Ferien waren aufgebraucht). Mirjam, Willi und ich flogen weiter zu unseren Verwandten nach Dallas im heissen Bundesstaat Texas. Die Temperaturen dort waren über 42°C! Doch zum Glück gibt es dort überall Klimaanlagen.

Bei Dallas besuchten wir eine Gemeinde, wo für Gehörlose übersetzt wird. Es war eine sehr grosse Kirche: ungefähr 1200 Leute haben darin Platz! Wir sahen: Dort gibt es ähnliche Probleme wie in der Schweiz. Es kamen nur zwei, drei Schwerhörige und keine Gehörlosen. Die Gehörlosen brauchen ihre eigene Gehörlosengemeinde mit Gehörlosengottesdiensten. Es ist schwierig, sich in der hörenden Gemeinde zu integrieren (mit Dolmetscherinnen). Vor allem wenn die hörende Gemeinde so gross ist! – Wir verstanden nicht so viel von der Predigt. Die Dolmetscherinnen gebärdeten viel zu schnell ... und vielleicht auch falsch?

Es war nicht die Gemeinde von meiner Cousine und ihrer Familie. Nach dem Gottesdienst in der Church on the Rock wollte meine Cousine noch in ihrer Gemeinde den Gottesdienst besuchen. Wir wollten eigentlich lieber nach Hause, weil die Gottesdienste in der Gemeinde meiner Cousine nicht übersetzt werden. Aber sie fuhr uns trotzdem hin. Ok – wir gingen rein. Und siehe, da waren zwei Frauen, welche ASL (Amerikanische Gebärdensprache) konnten. Sie boten sich sofort an, für uns den Gottesdienst zu übersetzen. Sie gaben sich sehr Mühe. Aber wir verstanden noch viel weniger. Warum? Es waren keine professionellen Übersetzerinnen. Sie machten viele Fehler, verloren den Faden usw.

Aber es war trotzdem interessant zu sehen, wie viele Amerikaner ASL können und uns spontan helfen wollten. So ist es in der Schweiz überhaupt nicht. Wenn in einem Hörenden-Gottesdienst die Übersetzung ausfällt, getraut sich niemand aus der Gemeinde, auszuhelfen.

Ich denke, dass wir mit der CGG auf einem sehr guten Weg sind. Es ist wichtig, dass wir Gehörlosengottesdienste machen. Es ist auch wichtig, dass jeder gehörlose Christ ein Teil am Leib Jesu sein kann und einen Dienst ausüben darf. Wir haben in den USA gesehen: der Aufbau der Gehörlosengemeinden dort ist gleich wie in der Schweiz. Das wundert mich nicht. Wir haben die gleiche biblische Grundlage. In der Bibel steht viel über Gemeindeaufbau und über die verschiedenen Aufgaben in der Gemeinde.

Wir hoffen, dass die amerikanische Christen oder auch Christen aus anderen Länder unsere CGG besuchen kommen. Vielleicht schauen sie vor ihrer Abreise im Internet, wo es in der Schweiz Gehörlosengottesdienste gibt.

Regula

Aus der Gemeinschaft Oktober 1998