Christliche Gehörlosen-Gemeinschaft

CGG Schweiz

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Zeugnis von Annemarie

Lebensbericht

1. Mein Leben bis zur Bekehrung

Annemarie
Annemarie

Meine Mutter stammt aus Holland. Mein Vater stammt aus der Schweiz (Chur). Beide glauben an Gott. Sie haben den Glauben schon von früher, von ihren Ururur-Grosseltern weiterbekommen.

Ich bin am 10. Mai 1986 gehörlos auf die Welt gekommen. Als ich noch klein war, erzählte mein Vater uns immer eine Gute-Nacht-Geschichte über Gott. Meine Geschwister hörten aufmerksam zu, ich aber verstand gar nichts und spielte mit der Puppe, weil ich schon immer kleine Kinder mochte. Mein Vater sagte, es sei schwierig, mir alles richtig zu erklären.

Als ich zwischen acht und elf Jahre alt war, glaubte mein Vater, dass er mir über Gott erzählen könne. Ich hatte gar nicht erwartet, dass er mir allein eine Gute-Nacht-Geschichte erzählen würde. Ich freute mich riesig. Ich kannte Gott damals leider nicht. Mein Vater erzählte mir mit vielen Bewegungen, fast wie im Theater, damit ich besser verstehen konnte:

«Es war einmal ein Mann, der war reich und hat alles was er besass, mitgenommen. Er ging durch ein Tal. Plötzlich kamen zwei Räuber, schlugen ihn und stahlen alles was er besass.» Da schrie und weinte ich. Ich hatte Angst und wollte nicht weiter hören. Doch mein Vater hörte mir nicht zu, spielte und erzählte weiter. «Der arme Mann lag da und rief um Hilfe. Endlich kam ein anderer Mann und sah den Verletzten. Doch lief er einfach vorbei und wollte ihm nicht helfen (usw., die bekannte Geschichte vom barmherzigen Samariter).» Ich war sehr überrascht, was dieser Mann (der Samariter, der den Verletzten rettete) mit dem Esel getan hat. Ich wunderte mich sehr und fand ihn toll.

Dann habe ich mich immer gefragt, woher mein Vater so viele Geschichten kannte und auswendig konnte. Dann habe ich meinen Vater selbst gefragt. Er verschwand ohne Worte, tauchte nach wenigen Minuten wieder auf und brachte ein grosses, schwarzes Buch mit. Ich sah dieses Buch und erkannte es, weil ich mein Vater jeden Tag aus diesem Buch vorlesen sah. Aber er hat nicht nur dieses Buch mitgenommen, sondern noch ein anderes, farbiges Buch. Das zeigte er mir und sagte: «Diese Geschichte, die ich dir erzählt habe kommt aus diesem Buch. Das nennt man die Bibel.» Ich bat meinen Vater, noch mehr Geschichten zu erzählen, denn mein Interesse wuchs immer mehr. Ich hatte ihn noch nie so gut erzählen gehört. Deshalb wollte ich noch mehr ähnliche Geschichten und Gleichnisse hören. Mein Vater erzählte mir über das verlorene Schaf und den verlorenen Sohn. Danach hat mein Vater beschlossen, mir über Jesus zu erzählen.

Ich habe viele Fragen gestellt, die er mir beantwortet hat. Er erzählte mir von der Geburt von Jesus bis zur Auferstehung und zur Auffahrt in den Himmel. Ich war erstaunt, welche Macht Gott hat. Dann weinte ich, weil ich eine Sünderin bin und wollte, dass Jesus meine Sünde vergebe, und ich wollte Jesus auch danken, dass ich auf die Welt kommen will und frei leben darf. Dann zeigte Vater mir, wie ich mit Gott sprechen kann. Mein Vater war sehr überrascht, dass ich schnell begriffen habe. Er glaubte, dass ich mich erst später bekehren würde. Dann hat er mir ein farbiges Buch geschenkt und erklärte mir, dass dies auch ein Bibel sei, aber mit Text und Bildern, damit ich einfacher und besser verstehen kann. Ich las gerne in dieser Bibel mit Bildern.

2. Mein Erlebnis von der Taufe

Ich bin mit meiner ganzen Familie (ausser den zwei ältesten Geschwistern) um 6 Uhr aufgestanden und mit dem Auto losgereist. Mein ältester Bruder Erwin war im Militär und wollte gerne am Wochenende seine Freunde wieder sehen, da er nicht immer am Wochenende nach Hause kommt und oft im Militär bleiben musste. Und meine Schwester Debora wäre so gerne mitgekommen. Leider konnte sie das nicht, weil sie wegen Abschlussprüfungen an der Universität hart lernen musste.

Als ich in Luzern im Seebad war, hörte ich aufmerksam zu, wie der Ablauf erklärt wurde. Es gab sieben hörende Täuflinge und mich. Als ich an die Reihe kam, ins Wasser zu steigen, verlor ich beinahe das Gleichgewicht und rutschte fast aus. Da ich nicht gewohnt war, so im Wasser zu gehen. Endlich kam ich mitten im Schwimmbecken an und hörte aufmerksam zu. Sie beteten mit mir, tauchten mich ins Wasser und hoben mich wieder heraus. Als ich zurück an meinen Platz ging, fühlte ich mich plötzlich leichter als vorher. Ich war erstaunt. Ich merkte, dass ich die Last meiner Sünden an Jesus abgegeben hatte. Und habe auch ein neues Leben bekommen. Da ging ich glücklich an den Platz zurück. Deshalb habe ich beschlossen, Jesus nachzufolgen. Diese Verse, die ich gelesen habe, passen zur Taufe: Römer 6, 1 – 11.

3. Wie ich die CGG gefunden habe

Ich ging mit meiner Familie jeden Sonntag in die Versammlung mit den Hörenden in Chur. Doch niemand übersetzt mir. Ich langweilte mich immer wieder und schlief manchmal fast im Gottesdienst ein. Als ich 16 Jahre alt war, begann meine Mutter, mir im Gottesdienst zu übersetzen ohne Gebärdensprache. Ich kann aber nicht Stunden lang nur Lippen ablesen. Wenn ich manchmal beinahe einschlief, weckte meine Mutter mich energisch. Ich habe versucht ihr zu erklären, dass es für mich schwer sei, nur Lippen abzulesen. Sie hat mich verstanden und sagte, dass ich trotzdem weiter versuchen solle, wach zu bleiben und zuzuhören.

Zu Hause las ich immer allein die Bibel. Ich war manchmal traurig. Oft ärgerte ich mich, dass ich an die hörenden Versammlungen gehen musste. Ich wünschte mir immer wieder, dass ich einen Gehörlosen-Gottesdienst besuchen könne statt einen hörenden Gottesdienst. Deshalb fragte ich Gott: «Gibt es wirklich keinen Gehörlosen-Gottesdienst? Warum nicht?» Ich ärgerte mich sehr oft, dass ich keine Antwort erhielt.

Als ich 2002 für drei Wochen in den Unterweisungskurs (Konfirmation) in Wetzikon eintrat, habe ich sehr viel über Gott erfahren. Dort gab es 17 Hörende, und ich allein war gehörlos. Ich habe immer wieder Gott gefragt, ob es Leute gibt, die gehörlos sind und auch an Gott glauben, und ob es Gehörlosen-Gottesdienste gibt. Ich träumte viel davon, dass das alles wahr werde, und betete immer zu Gott.

Als ich in den Landenhof (= Hörbehinderten-Schule nahe bei Aarau) eintrat, lachten alle mich wegen meinem Glauben aus. Aber ich habe trotzdem tapfer weiter gemacht. Weil ich immer Röcke und lange Zöpfe trug, fragten mich alle, weshalb ich nie Hosen anzog. Viele baten mich, Hosen anziehen. Ich wohnte in Aarau bei einer Pflegefamilie. Sie haben sieben Buben und ein Mädchen. Ich war das älteste Pflegekind. Von Aarau zum Landenhof und zurück ging ich jeden Tag zu Fuss. Es dauerte 30-40 Minuten. So war ich fit und wach in der Schule. Am Abend gegen 18 Uhr war die Schule meistens zu Ende, und ich kam deshalb immer spät nach Hause. Auf dem Weg nach Hause waren eines Tages plötzlich die Batterien des CI (= Cochlea Implantat, ein Hörgerät) leer. Also musste ich Batterien wechseln. Als ich bei der Autostrasse und dem Bahngleis ankam, schaute ich schnell und kurz nach vorne zu einer Ampel, ob sie rot oder grün zeigte. Ja, dort stand gerade Grün. Sofort lief ich weiter und beschäftige mich dabei wieder mit dem CI. Ich ging deshalb nicht schnell, sondern gemütlich langsam. Als ich zwischen den Gleisen stand, sah ich einen Schatten schnell am Boden vorbeigleiten. Es war gerade Sonnenuntergang. Ich dachte, dass Wolken sich unmöglich so schnell bewegen könnten. Der Schatten musste von etwas anderem kommen. Da merkte ich, dass ich wahrscheinlich in Gefahr war. Ich drehte mich um und sah rechts ein Tram vor mir. Ich stiess einen lauten Schrei und wusste nicht, in welche Richtung wegrennen. Ich sprang einfach nach rechts - zu spät. Das Tram traf mich fest Schulter, Knie und Hüften. Ich wirbelte herum und fiel auf den Boden. Wegen dem schweren Rucksack konnte ich nicht schnell reagieren. Mein CI flog irgendwo auf den Boden. Das Tram fuhr weiter. Eine Frau half mir aufstehen und fragte mich, ob alles in Ordnung sei… Ich ging nach Hause und dachte unterwegs an den Unfall. Ich dankte Gott, dass er mich mit den Schatten gewarnt hat, um mich zu beschützen. Ich war verletzt, aber trotzdem noch am Leben. Ohne diese Schatten wäre ich vielleicht umgekommen. Ich kann diesen Unfall nie vergessen. Gott ist wunderbar. Ich muss mir keine Sorgen machen. Gott ist immer für mich da und hilft mir jeden Tag. Dazu passt der folgende Vers aus Jes 41,10:

Fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich halte dich mit der Rechten meiner Gerechtigkeit

Manchmal dachte ich, dass es wirklich keine gehörlosen, gläubigen Leute gibt und meine Mutter mir immer übersetzen müsse. Ich war manchmal wütend. Warum gibt es nur hörende Gläubige, und ich allein bin gehörlos? Ich habe vielen Gehörlosen versucht über Gott zu erzählen. Ich kannte trotzdem nur hörende Leute, die an Gott glauben. Die Gehörlosen lachten mich aus und glaubten nicht an Gott.

Als ich auf dem Landenhof an der Abschlussfeier teilnahm, fragte meine Lehrerin mich, ob ich die CGG kenne. Sie wusste, dass ich eine Christin war, akzeptierte das alles und wunderte sich immer, dass ich anständige Kleider anzog und nicht fluchte. Ich verstand nicht, was sie damit meinte. Sie sagte, dass dies gehörlose gläubige Leute seien. Ich war plötzlich hellwach und fragte, ob sie eine Adresse der CGG habe. Sie gab mir die Internet-Adresse. Als ich nach Hause kam, konnte ich kaum erwarten, die CGG kennenzulernen. Als ich die Homepage der CGG im Internet sah, erzählte ich überglücklich meinen Eltern, dass ich endlich gehörlose Gläubige gefunden hätte. Meine Eltern waren unsicher. Doch plötzlich merkte ich, dass ich vorher oft wütend auf Gott gewesen war, weil ich gemeint hatte, es gebe keine gehörlosen Gläubigen. Da bat ich Gott um Vergebung und dankte Ihm, dass es so etwas gibt. Ich muss ja lernen, Geduld zu haben. Manchmal bekommt man nicht sofort Antwort von Gott, sondern erst später. Ein halbes Jahr später beschloss ich, mich bei der CGG zu melden. Und ich wurde nach Aarau an die Bibelschule begleitet und mir wurde alles vorgestellt. Es hat mir sehr gut gefallen. Jetzt bin ich sehr glücklich. Ich kann Gottes Wort viel leichter verstehen und mitmachen. Früher, bei den Hörenden, habe ich nur wenig über Gott erfahren und auch nicht viel mitgemacht. Ich bin froh, dass ich in der CGG in der Jugendgruppe, im Hauskreis usw. mitmachen kann,

Meine Mutter hat inzwischen auch die Gebärdensprache gelernt und übersetzt mir in den hörenden Gottesdiensten mehr in Gebärden als früher. Da bin ich natürlich froh!

Aus der Gemeinschaft Oktober 2005