Christliche Gehörlosen-Gemeinschaft

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Zeugnis von Trudi

Lebensbericht

Trudi
Trudi

Trudi nimmt seit einiger Zeit regelmässig an den Gehörlosengottesdiensten in der Lokalgruppe St. Gallen teil. Sie war auch schon zweimal im Osterlager in Passugg. Für unsere Zeitschrift hat sie eine Zusammenfassung über ihr bewegtes Leben geschrieben. Wir danken Trudi Hitz herzlich für ihr Zeugnis und wünschen ihr weiterhin Gottes Führung und Segen.

Gottes Führungen in meinem Leben. Ehe ich geboren wurde, hatte Gott schon einen Plan mit mir

Ich wurde am 11. Januar 1933 als viertes uneheliches Kind in einem Mütterheim in Zürich geboren. Als 14tägiger Säugling wurde ich durch die Amtsvormundschaftsbehörde Chur von meiner Mutter weggenommen und ins Kinderheim ‹Gott hilft› nach Zizers gebracht. Mit Sicherheit hatte meine Mutter mich abtreiben wollen, was ihr aber misslang. Ich bin deswegen im Gesicht einseitig entstellt. Dadurch war meine Aussprache auch undeutlich. Die Amtsvormundschaftsbehörde wollte mich ursprünglich in eine Familie verdingen (verdingen = zum Erziehen geben, war früher vielfach üblich und hat für die verdingten Kinder oft schwere Probleme gebracht). Elise Schiess, eine enge Mitarbeiterin von Vater Rupflin (Heimleiter des Kinderheims Gott hilft in Zizers) erbarmte sich meiner. Sie erzählte mir später folgendes: Als sie vernahm, dass ich in eine Familie verdingt werden sollte, beschäftigte sie dies so sehr, dass sie nachts nicht schlafen konnte. Im Gebet vertraute sie mich unserem Herrn an. Da hörte sie Gottes Stimme, die ihr sagte: «nimm doch du dieses Kind an und sei du ihm Gotte» ( = Schweizer Wort für Patin). Am nächsten Tag telefonierte meine Gotte der Amtsvormundschaftsbehörde und teilte ihr mit, dass sie mich in eine Familie verdingen könne, dass aber sie immer wissen wolle, wo ich sei. So ergab sich, dass ich im Kinderheim in Zizers bleiben durfte.

Trudis Hochzeit
Trudis Hochzeit

Ich erlebte im Kinderheim Gott hilft eine schöne Kindheit. Wie schon erwähnt, hatte ich einen Sprachfehler. So trat ich im Herbst 1939 in die Taubstummen- und Sprachheilschule in St. Gallen ein. Zweieinhalb Jahre weilte ich in St. Gallen. Ich lernte dort gut und deutlich sprechen. Es folgten zwei normale Primarschuljahre im Gott hilft in Zizers. Anfangs ging es recht gut. Mit der Zeit hatte ich Mühe, alles zu verstehen, weil ich auch schwerhörig bin. So wurde ich im Sommer 1944 erneut nach St. Gallen in die Sprachheilschule versetzt und blieb schliesslich dort bis zu meinem Schulaustritt im Jahre 1950. Die Schulferien durfte ich immer im Kinderheim Gott hilft verbringen. Dort hatte ich schon früh das Vorrecht, von Jesus zu hören. Doch war ich damals noch nicht offen für IHN. Während meiner Schulzeit in St. Gallen durfte ich mit ca. 13 Jahren Jesus als meinen persönlichen Heiland annehmen. In meinem jungen Glaubensleben erlebte ich eine spontane Gebetserhörung: Es geschah in der Schule. Meine Platznachbarin war plötzlich böse auf mich, und ich wusste nicht warum. Im Stillen habe ich zu Jesus gebetet, mir doch bitte zu zeigen, was sie gegen mich hat. Ehe ich mein Anliegen fertig vorbrachte, stupfte mich meine Kameradin am Arm und sagte: «Es tut mir leid.»

Kurz vor meinem Schulabgang bekam ich näheren Kontakt zu unserer Taubstummenfürsorgerin Clara Iseli. Sie hat sich auch sehr für mich eingesetzt. Sie wurde für mich wie eine Mutter. Wir hatten eine enge, herzliche Beziehung zueinander. Sie war es auch, die mich immer wieder neu im Glauben ermutigte. Nach dem Schulaustritt arbeitete ich ein Jahr in der Taubstummen- und Sprachheilschule im Haushalt. In Wil absolvierte ich eine zweijährige Lehre als Glätterin. Nach der Lehre arbeitete ich zuerst in einem kleineren Wäscherei- und Glättereibetreib in St. Gallen. Dort musste ich praktisch den ganzen Tag 'schuften'. Mir blieb wirklich keine freie Zeit übrig. Es wurde für mich dort einfach zuviel. Von Herzen war ich deshalb froh, dass ich eine Stelle im Sanatorium in Braunwald bekam. Die Arbeitszeit konnte ich mir dort selber einteilen und hatte deshalb auch viel freie Zeit zur Verfügung. Ein Erlebnis von Braunwald bleibt mir in Erinnerung: Ich fuhr leidenschaftlich gerne Ski und benutzte jede freie Gelegenheit dazu. So war ich eines Nachmittags auch auf der Piste. Den Schlüsselbund steckte ich in meine Skijackentasche. Ich merkte nicht, dass er während meiner Abfahrt herausfiel. O welch ein Schreck. - Am nächsten Tag fuhr ich bewusst langsam die selbe Strecke hinunter. Siehe, da lag mein Schlüsselbund noch im Schnee. Wie froh und dankbar war ich für dieses Wunder.

Aus gesundheitlichen Gründen musste ich meinen Glätterinnenberuf aufgeben. Immer wieder setzte sich Müetti Iseli für mich ein. So besuchte ich in Chur eine private Handelsschule. Nach dieser Ausbildung arbeitete ich im Gott hilft-Dienst in Seewis im Büro. Es gab auch da Hoch- und Tiefschläge in meinem Glaubensleben. Trotz allem war ich hier in guten Händen, in froher Gemeinschaft und in Gott geborgen. Nach der Einführung der IV (1. Januar 1960) durfte ich in Zürich, in der Eingliederungsstätte, eine Ausbildung als Lochkartenspezialistin machen. Nach der Scheidung wurde ich zur Datatypistin ausgebildet. Dann hatte ich eine Arbeitsstelle in St. Gallen.

Kinder von Trudi: Robert, Monika und Daniel an Monikas Hochzeit
Kinder von Trudi:
Robert, Monika und Daniel an Monikas Hochzeit

In St. Gallen wurde ich einmal zu einer Abendversammlung der Heilsarmee eingeladen. Da hatte ich die Gelegenheit, mich mit einer Offizierin auszusprechen. Ich durfte dem Herrn Jesus meine ganze Sündenlast zum Kreuz bringen. Der Herr vergab mir all meine Schuld. Ich durfte frei werden. Welch ein Gnade! Immer blieb der Herr mir treu, auch wenn ich ihm oft untreu war. Von da an besuchte ich die Gottesdienste in der Heilsarmee. In Seewis, wo ich oft über das Wochenende zur Aushilfe weilte, lernte ich meinen Mann, Georg Hitz, kennen. Im November 1966 heirateten wir dann in der Kirche von Seewis. Wir wohnten in Seewis im Gott hilft und arbeiteten dort. Mein Ehemann war ‹Mann für alles› und ich betätigte mich im Büro. Am 23. Dezember 1967 erlebte ich die Geburt meines ersten Kindes, Daniel. Aus verschiedenen Gründen traten wir nach zwei Jahren aus dem Gott hilft-Werk aus. Wir zügelten nach Haldenstein bei Chur. Es begann ein neuer Lebensabschnitt für uns.

Mein Mann arbeitete auf seinem gelernten Beruf als Maler; ich als Hausfrau und Mutter. Am 3. Juni 1970 schenkte uns der Herr ein zweites Kind, Robert. Im Herbst 1972 zügelten wir nach St. Gallen. Unser ältestes Kind hatte Mühe mit der Sprache. Daniel besuchte dann den Sprachheilkindergarten in der Stadt für mehrfachbehinderte Kinder. Es stellte sich heraus, dass er leicht zerebral geschädigt ist. Am 30. Dezember 1973 wurde uns ein Mädchen geschenkt, Monika. Im Jahre 1984 wurde leider unsere Ehe geschieden. Was nun? Ich musste arbeiten, um Geld zu verdienen, und arbeitete in St. Gallen bis zu meiner Pensionierung im 1995.

Eine Nachtrag zwischen 1992 bis 1995

Es gab eine Zeit, wo ich mich in der Heilsarmee nicht mehr akzeptiert, daher verlassen fühlte. Ich verspürte keine Lust mehr, die Versammlungen und die Frauenstunden zu besuchen. Ich zog mich konsequent zurück. Unterdessen wurde ich zum ersten Mal Grossmutter, als Kilian am 24. August 1994 geboren wurde, ein Sprössling von meinem Sohn Robert.

Trudis Enkel
Trudis Enkel

Eines Tages telefonierte mir Claudia, meine Schwiegertochter. Sie fragte mich, ob ich am kommenden Sonntag auch in die Heilsarmee käme. Ich war ganz verdutzt, sagte aber zu. Weiter sagte sie mir, dass sie Kilian gerne in der Heilsarmee einsegnen lassen möchte. So geschah es, dass ich nach langer Zeit den Weg in die Heilsarmee wieder zurück fand. Alle freuten sich, dass ich wieder erschien. Ich schämte mich, dass ich mich damals von einem Gefühl hinreissen liess. Jetzt bin ich richtig wieder in der Heilsarmee-Gemeinschaft integriert. Zwei Jahre später wurde auch Janik, das zweite Kind von Robert, in der Heilsarmee eingesegnet. Heute staune ich, wie Jesus mich Jahre hindurch immer wieder so wunderbar geführt hat trotz Niederlagen und Versagen. Wie denke ich über meine Zukunft? Ich bin froh, dass ich Jesus kenne, dass ich alles in seine Hände legen darf, was auch kommen mag. Das macht mich getrost und zuversichtlich.

Trudi

Aus der Gemeinschaft Juli 2005