Christliche Gehörlosen-Gemeinschaft

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Gott macht wirklich alles gut!

Willi musste seinen erlernten Beruf aufgeben und hat eine neue Ausbildung als Sozialpädagoge absolviert. Er beschreibt den langen Weg.

Ich habe erlebt, wie Gott in meinem Leben alles gut macht! Ich möchte davon erzählen, wie Gott mich durch die Ausbildung geführt hat.

Erlenen eines zweiten Berufes

Ich bin gelernter Technischer Stickereizeichner. Nachdem ich selbstständig tätig geworden war und mir dieses Unternehmen misslang, wurde ich arbeitslos. Ich suchte etwas Neues und besuchte im Frühling 1993 eine Informationsveranstaltung über die Ausbildung zum Sozialpädagogen. Ich dachte nachher: «Diese Ausbildung ist zu schwierig. Nein, ich mache das nicht. Ich bin ‹weit unten›, meine Sprache ist nicht gut genug.»

Ich wusste damals schon viel vom Glauben und hatte Interesse, als Christ zu leben. Ich besuchte ab und zu den Gehörlosengottesdienst in Steffisburg und dachte, es ist gut so. Bei einem Badmintonturnier in Genf traf ich Richard Bührer. Er trug ein T-Shirt mit der Aufschrift ‹Jesus liebt dich›. Ich kam mit ihm ins Gespräch und sagte: «Ich möchte auch an Jesus glauben». Richard erklärte mir, wie man Jesus aufnehmen kann. Bei einem Gottesdienst in Steffisburg packte ich die Gelegenheit, mit Joachim zusammen ‹offiziell› Jesus in mein Leben aufzunehmen.

Ich arbeitete damals bei der Sonnenenergietechnik Jenni in Oberburg bei Burgdorf. Ich war dort nur Hilfsarbeiter und verdiente miserabel. Im Juni 1994 hatte ich einen Arbeitsunfall und verlor einen kleinen Teil meines Fingers. Ich wusste: ich musste mir allmählich einen neuen Beruf suchen. Ich konnte nicht mehr auf meinen gelernten Beruf zurück: Es gab immer weniger Stellen.

Im Herbst 1994 begann ich meine Freundschaft mit Regula. Wir hatten viele Gespräche über meine berufliche Zukunft. Ich wollte am Liebsten gleich wie Andreas Kolb Missionar werden und sofort nach Bolivien abreisen. Regula zeigte mir, dass ich dafür zum Beispiel noch mehr Erfahrungen in einem sozialen Bereich brauchte. Ich überlegte mir, gleich wie Andreas Kolb soziokultureller Animator zu werden. Wegen meinem Arbeitsunfall konnte ich mit Unterstützung der IV für meine Umschulung rechnen. Bei einer Sitzung mit der IV stellte sich heraus, dass das Gehörlosenwesen zu klein sei und es zu wenig Stellen für einen soziokulturellen Animator gebe. Ich bekam die Möglichkeit, drei Monate auf dem Uetendorfberg in verschiedenen Bereichen des Heimes zu schnuppern (Werkstatt, Jugendgruppe und Pflege). Nach dieser Zeit gab es wieder eine Sitzung, an der ich allen mitteilte, dass es mir in der Jugendgruppe am Besten gefallen habe. Ich entschied mich, den Beruf Sozialpädagoge zu erlernen und war bereit, die Aufnahmeprüfungen dafür zu versuchen. Meine ehemalige Firma kam mir entgegen und ich durfte meine Stelle gleich kündigen, auf dem Uetendorfberg bleiben und ein Praktikum in der Jugendgruppe beginnen. Im Frühling 1997 bestand ich die Aufnahmeprüfung für die vierjährige, berufsbegleitende Ausbildung zum Sozialpädagogen an der HSL in Luzern.

Ich ging damals in einem Gottesdienst der Pfimi nach vorne, um für meine Zukunft beten zu lassen. Der Seelsorger bekam von Gott einen Eindruck für mich und sagte: «Du wirst auf viele Schwierigkeiten stossen. Aber Gott sagt dir: Gehe hindurch».

Willi: Ein typisches Bild während der Ausbildung

Willi: Ein typisches Bild während der Ausbildung

Im Sommer 1997 begann mein Vorbereitungsjahr für die Ausbildung mit einer Tutorin. Der ehemalige SVG – heute Sonos - war daran beteiligt, eine Tutorin für mich zu suchen. Der Geschäftsführer bestimmte, wer die Tutoriatsstelle bekam. Ich durfte gar nichts sagen. Ich hatte nie ein gutes Gefühl bei dieser Tutorin. Sie verstand Gehörlose nicht. Ich verstand ihre Erklärungen nicht. Ich schluckte das und versuchte mit ihr zu arbeiten.

1998 begann ich mit der Ausbildung in Luzern. Sie war sehr anspruchsvoll. Ich wurde von der Theorie ‹überfahren›. Ich war 15 Jahre nicht mehr in der Schule gewesen. Ich hatte Probleme mit der Sprache: Verstehen von Fachtexten und Schreiben von Berichten. Da es mit der Tutorin nicht gut lief, war ich sehr froh um die Unterstützung meiner Frau. Am Arbeitsplatz auf dem Uetendorfberg hatte ich auch Probleme mit meiner Praxisbegleiterin. Sie verstand Gehörlose nicht gut. Sie konnte mit mir nicht umgehen.

Es gab immer wieder Sitzungen mit allen Verantwortlichen rund um meine Ausbildung und Praxis. Bei der ersten Sitzung im Frühling 1999 war die Stimmung sehr schlecht. Meine Tutorin und meine Praxisbegleiterin erzählten nur Negatives über mich. Ich hatte vorher nichts davon gewusst. Ich spürte: beide unterstützten mich nicht. Die Kursleiterin schlug mir vor, die Ausbildung zu wechseln. Ich war sehr deprimiert. Doch Gott gab mir inmitten der ‹schwarzen Stimmung› an der Sitzung die Kraft, allen zu sagen: «Nein! Ich gebe nicht auf!»

Nach anderthalb Jahren kamen die ersten Prüfungen. Ich wollte es allen zeigen und lernte sehr fleissig. Meine Frau unterstützte mich beim Lernen sehr, da ich von der Tutorin sehr wenig profitieren konnte. Einen Monat vor den Prüfungen wurde ich Vater: Im Januar 2000 kam unser Jannick auf die Welt. Es gab zu Hause eine neue Situation: Ich lernte und Jannick schrie.

Ich bestand nur mit Gottes Hilfe die Zwischenprüfungen. Eine Prüfung musste ich zwar nochmals machen. Ich durfte dann mein Studium fortsetzen.

Bei den regelmässigen Sitzungen mit den Beteiligten meiner Ausbildung wurde die Stimmung langsam besser. Ich entzog meiner Tutorin das Vertrauen, da sie mir wirklich keine Hilfe war. Aus diesem Grund kündigte sie sogleich, und ich war sehr erleichtert. Gleichzeitig erzählte meine Frau (damals im Vorstand des SGB, neu selbständiger Dachverband) dem SGB von meinen Problemen mit der Tutorin. Der SGB handelte sofort und setzte Leute ein, die für eine gute Nachfolgerin meiner Tutorin schauten. Diesmal durfte ich die Person selber auswählen und fand so eine ausgezeichnete Tutorin.

Die Probleme mit meiner Praxisbegleiterin wurden aber immer schlimmer. Sie gipfelten sich darin, dass sie die Verantwortung für meine Ausbildung nicht mehr tragen wollte und die Praxisbegleitung ‹hinschmiss›. Zum Glück war meine Tutorin ausgebildete Sozialpädagogin (Gottes Fügung), und sie konnte diese Aufgabe sofort zusätzlich zum Tutoriat übernehmen. Ich habe von ihr in Vielem sehr grosse Unterstützung bekommen und sehr viel gelernt. Die Sitzungen mit den Verantwortlichen wurden immer besser. Meine Kursleiterin begann fest daran zu glauben, dass ich gute Fähigkeiten zum Sozialpädagogen habe und die Ausbildung schaffen werde.

Meine Arbeitssituation war für mich damals sehr unbefriedigend. Ich verstand mich mit meiner ehemaligen Praxisbegleiterin (auch meine Chefin) einfach nicht. So begann ich mich nach einer anderen Stelle umzusehen und fand in Belp auf den 1. Januar 2002 eine neue Anstellung.

Ich spürte, wie Gott mich bis jetzt wunderbar geführt hatte: ich hatte eine neue, gute Tutorin. Ich musste nicht mehr mit der ehemaligen Chefin zusammen arbeiten, ich hatte eine Arbeitsstelle, wo ich auch nach der Ausbildung bleiben konnte. Es gab aber noch eine Hürde: ich musste durch die letzten Prüfungen.

Ich wurde vier Tage vor meiner letzten Prüfung wieder Vater: Wir freuten uns sehr an Marek. Dann kam gleich der Schock: ich bestand die Diplomprüfung nicht. Ich sagte daraufhin: «Ich habe es schon gewusst, die Ausbildung ist zu schwierig für mich. Ich schaffe es sowieso nicht.» Zum Glück hat meine Frau mich moralisch sehr unterstützt. Ich musste dann offen eingestehen: ich hatte überhaupt nichts gelernt für die letzte Prüfung. Ich durfte diese Prüfung zum Glück wiederholen und hatte ein halbes Jahr Zeit dafür. Mit der Unterstützung meiner Frau lernte ich motiviert und fleissig dafür. Im April 2003 habe ich endlich die letzte Prüfung bestanden und durfte mein Diplom als Sozialpädagoge entgegen nehmen. Ich hatte von allen Studienkollegen die schwierigsten Voraussetzungen und wurde als Einziger zweimal Vater. Meine Kursleiterin war am Anfang von mir gar nicht überzeugt, doch am Schluss freute sie sich über die bestandene Ausbildung so sehr, dass sie mich gleich umarmte.

Willi mit Jannick und Marek

Willi mit Jannick und Marek

Ich möchte hier vor allem Gott danken, dass Er mir in diesen fünfeinhalb Jahren sehr geholfen hat. Ohne IHN wäre es gar nicht gegangen. Es lagen zu viele Stolpersteine auf dem Weg. ER hat sie weggeräumt! Dazu haben auch meine Freunde und meine Familie im Gebet viel beigetragen. Ich danke Euch allen!

Es ist wichtig, Gott zu vertrauen. Er führt alles nach Seinem Plan. Egal, was die Menschen um uns herum sagen. Ich habe erlebt, wie meine erste Tutorin, meine Praxisbegleiterin und meine Kursleiterin an mir gezweifelt haben und sogar zu mir sagten: «Du schaffst es nicht.» Und Gott sagte immer: «Das ist dein Weg, den gehe! Ich bin mit dir!» So war ich innerlich überzeugt, dass ich es trotz allem schaffen darf – mit Gott!

Willi

Aus der Gemeinschaft Juli 2003