Christliche Gehörlosen-Gemeinschaft

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Ian ist frei!

Der gehörlose Missionar aus Indien, Ian, ist nicht mehr im Gefängnis!

In der letzten Gemeinschaft haben wir gelesen: Der gehörlose Missionar aus Indien, Ian ist nicht mehr im Gefängnis! Er ist frei. Gott hat unsere Gebete für ihn erhört! An dieser Stelle möchte ich allen danken, die für ihn mitgebetet haben!!

Denkwürdig ist: im Gehörlosengottesdienst der CGG Weihnachtsfeier in Steffisburg wurde wieder von Ian erzählt. Wir sammelten Unterschriften für seine Freilassung. Was wir damals noch nicht wussten: Ian war zu diesem Zeitpunkt schon frei. Es war aber ganz toll, dass wir noch kurz vor dem Ende der Feier von seiner Freilassung erfahren durften.

Was ist genau passiert?

Am 30. August 2000 war Ian im nördlichen indischen Teilstaat Pradesh in einem Taxi unterwegs. Pradesh liegt am Fuss des Himalaya-Gebirges. Dieses Gebiet ist für seinen Drogenschmuggel sehr bekannt.

Die Polizei stoppte bei einer Kontrolle das Taxi und fand 20 kg Cannabis. Sie verhaftete Ian und behauptete: Die Drogen gehören ihm. Ian wurde zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Alle Einsprachen und Rekurse führten zu nichts. Die indischen Gerichte sind sehr korrupt (man kann sie leicht ‹schmieren›) und, Behinderte sind dort minderwertig. Die Richter sagten sogar: Ian ist nicht gehörlos.

Zuerst war Ian in einem Gefängnis, wo er seine Zelle mit ca. 30 anderen Gefangenen teilte. Alle mussten auf dem Boden schlafen. Ian hatte nur ganz wenig Platz für sich, zwischen den anderen eingequetscht. Dank dem britischen Aussenministerium wurde er in ein ‹besseres› Gefängnis in Kanda (bei Shimla) verlegt. Dort konnte ihn seine Familie besuchen, und er bekam die nötige medizinische Versorgung.

Als der Sohn von Ian, Lennie, vor einem Jahr merkte, dass sein Vater grosse Mühe hatte, im Gefängnis zu kommunizieren, und sehr einsam war, gab er seine Arbeit in London auf und reiste mit einem Touristenvisum im März 2001 nach Indien, um Ian beizustehen. Er lebte 20 km vom Gefängnis entfernt in der Stadt Shimla. Lennie konnte seinen Vater im Gefängnis besuchen und bei den Arztbesuchen für ihn dolmetschen.

Am 7. Dezember wurde Ian frei gelassen, hauptsächlich aus gesundheitlichen Gründen: Er hatte ein Bein verloren (durch einen Autounfall, einige Jahre zuvor). Man muss das immer pflegen. Im Gefängnis war das nicht möglich. Ian hat zudem in seinem amputierten Bein ‹Phantom-Schmerzen›. Das ist ein Schmerz im Bein, das gar nicht vorhanden ist. Sie entstehen durch die Nerven oberhalb des fehlenden Beines. Diese Schmerzen sind sehr unerträglich. Ian hat auch Diabetes bekommen. Deshalb war der sehr kalte Winter für ihn gefährlich. Ein Antrag, ihn in ein Gefängnis im Süden Indiens zu verlegen, wurde abgelehnt.

Aber auch der ‹Rummel›, den man für die Freilassung von Ian machte (Unterschriftensammlung, Appelle an wichtige hohe Beamten usw.) übte einen Druck auf die Behörden aus. Das war sicher ein weiterer Grund für seine Freilassung.

Ian kehrte anschliessend nach einigen Tagen Erholung in Delhi mit seinem Sohn Lennie nach England zurück. Seine Frau und seine Tochter kamen einige Tage später nach.

Ian und sein Sohn Lennie

Ian und sein Sohn Lennie

So konnte die Familie nach der Gefangenschaft von Ian erstmals wieder gemeinsame Weihnachten feiern. Ian muss sich jetzt zuerst gut erholen von den Strapazen des Gefängnisses.

Ian bei seiner Ankunft in Englang

Ian bei seiner Ankunft in Englang

Ian möchte gern nach Indien zurück und seine Arbeit unter Gehörlosen in Chennai (Südindien) fortsetzen. Er ist gerichtlich immer noch nicht freigesprochen. So lange er nicht freigesprochen ist, darf er nicht nach Indien zurück. Deshalb möchte er dafür kämpfen, dass er eines Tages doch freigesprochen wird.

Karte Indien

Karte Indien

Jeder, der sich mit Indien auskennt, weiss, dass die Behörden und die ganze Justiz sehr korrupt sind. Behinderte dort haben einen sehr tiefen Stand. Sie werden gar nicht ernst genommen. Sie sind minderwertige Menschen. Wir haben bei unserer Indienreise gesehen: Gehörlose aus einer hohen Kaste (reichen Familie) bekommen zwar eine gute Schulbildung, eventuell einen Arbeitsplatz, sind aber trotzdem noch lange nicht gleichwertig wie Hörende aus derselben Kaste.

Wir haben auch gesehen, dass der Norden Indiens ein sehr gefährliches ‹Pflaster› (= Landteil) für Christen und Leute aus dem Westen ist. Dort werden heute noch Christen verfolgt und umgebracht. Die Missionsstationen und Missionare haben es sehr schwer. Sie erleben Überfälle, viele brutale und ungerechte Behandlungen. Die Geschichte von Ian hat mich sehr beschäftigt, denn vor sechs Jahren waren Willi und ich auch im Norden Indiens. Wir waren ca. hundert Kilometer von Shimla entfernt eine Woche lang auf einer Missionsstation. Auf der Weiterreise ging es durch den ärmsten und ‹gefährlichsten› Staat Indiens, Bihar. Ich merke hintendrein, dass Gott uns damals sehr, sehr bewahrt hat! Zum Beispiel auf den teils unheimlichen Taxifahrten und gefährlichen Bahnreisen!

Trotz der teils schlimmen Zustände und Gefahren in Indien ist es anderseits ein ganz schönes und faszinierendes Land. Es hat seine spezielle Atmosphäre und Stimmung – so wie wir sie noch nirgendwo auf der Welt angetroffen haben.

Ian

Ian

Wie geht es wohl mit Ian weiter? Wenn es Neuigkeiten oder Veränderungen gibt, wird die Gemeinschaft wieder darüber berichten!

Regula Herrsche

Aus der Gemeinschaft April 2003