Christliche Gehörlosen-Gemeinschaft

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Projektinformationen: Anekdoten aus Bolivien

Wenn einer eine Reise tut, kann er etwas erzählen... Anekdoten von Gregor

Markus, Richard, Daniel und ich waren vom 25. Mai bis zum 15. Juni 2008 in Bolivien. Wir waren zuerst eineinhalb Wochen in Riberalta, um das Jubiläum zu feiern. Anschliessend machten wir noch eine Woche Ferien in Cochabamba, während Daniel Fenner noch zwei weitere Wochen dort blieb.

Statt einem Tag-für-Tag-Bericht schreibe ich hier Anekdoten (=kleine Geschichten) von meinem Bolivien-Aufenthalt - ausserhalb des Schulgeschehens. Sie sind mit den Augen eines Westeuropäers geschrieben, welcher noch nie auf dem amerikanischen Kontinent war. Für Bolivianer und Bolivien-Kenner mögen diese Geschichten vielleicht «normal» sein - für mich aber nicht.

Tropisches Klima in Riberalta?

Viele erzählen, dass das Klima in Riberalta sehr unangenehm sei. Es sei zu feucht und zu heiss. Ich bereitete mich darauf vor. Doch so schlimm war es nicht, in der Schweiz war es auch schon schlimmer gewesen. Gut, in Bolivien war es gerade Winter.

Doch es gab am Jubiläumstag einen Wetterumschwung: Ich musste meinen Pullover und zwei Jacken anziehen. Trotzdem fror ich. Es war sehr kalt. Gerade mal 12°C bis 15°C war es an diesem Tag. Die feuchte Luft sorgt dafür, dass man mehr friert als üblich.

Die Kälte kam vom Polarwind. Das heisst: der Wind kam aus der Antarktis. Es regnete zudem stark.

Komplizierte Abstimmungsverfahren

In der letzten Gemeinschaft steht, dass das Departement Santa Cruz die Autonomie angenommen hat. Sie wollen selbständiger sein.

Am 1. Juni wurde in den Departements Beni (wo Riberalta ist) und Pando die gleiche Abstimmung durchgeführt. Diese Abstimmung ist laut Evo Morales (Präsidenten von Bolivien) illegal. Doch dies ist den Leuten hier egal.

Wir durften Andreas und Sara zur Abstimmung begleiten. Auch Andreas darf abstimmen, obwohl er kein Bolivianer ist.

Die Abstimmung ist viel komplizierter als bei uns. Zuerst müssen wir das Abstimmungsbüro des Stadtviertels, wo Andreas wohnt, aufsuchen. Es ist draussen auf dem Vorhof einer Schule. Dort hat es rund 10 nummerierte Tische, wo Helfer sassen. Man muss an einen bestimmten Tisch gehen und dort den Abstimmungszettel holen.

Man muss also zuerst abklären, welcher Tisch «unserer» ist. Dies kann man auf der Liste der Wahlberechtigten nachschauen. Dann wird die Nummer des Tisches mitgeteilt und man kann dorthin gehen und den Wahlzettel holen. Dann kann man es ankreuzen und in eine Urne einwerfen.

Doch Andreas war nicht auf der Liste der Wahlberechtigten. Das heisst: er darf nicht abstimmen. Das überraschte ihn. Vermutlich hat man ihn aus der Liste gestrichen, weil er bei der letzten Abstimmung gefehlt hat (das war bei seinem Schweiz-Aufenthalt 2006).

Das heisst aber nicht, dass wir gleich wieder nach Hause gehen. Er braucht die wichtige Bestätigung, dass er abstimmen gegangen ist. Deshalb wichtig, denn manchmal verlangen Behörden oder Banken diese Bestätigung(!). Und Andreas möchte da keine Probleme haben.

Jetzt muss Andreas um eine solche Bestätigung kämpfen. Nach etwa einer Stunde hat er diese bekommen. Wir durften solange warten. Warten ist nichts neues in Bolivien.

Am Abend wurde die Annahme der Autonomie von der Bevölkerung im Zentrum gefeiert.

Im Vorfeld der Abstimmung war ein Infoabend in der Arca geplant, damit die Gehörlosen informiert sind, worum es bei der Abstimmung geht - genau wie in der Schweiz. Doch dieser Anlass fiel ins Wasser: der Referent sagte ab. In Bolivien bleibt man da ganz gelassen.

Die lieben Bürokraten

Kurz gegen Ende unseres Riberalta-Aufenthalts beschlossen wir, einen Ausflug über die Grenze nach Brasilien zu machen. Wir wollten einmal unsere Füsse auf brasilianischem Boden haben, denn von unserer Gruppe war ausser Daniel noch niemand in Brasilien.

Wir fuhren am 2. Juni mit einem Taxi von Riberalta nach Guayaramerin. Dies ist auf der bolivianischen Seite des Grenzflusses Mamoré. Anschliessend sollte ein Boot uns über diesen Fluss rüberbringen. Doch der Grenzbeamte hielt mich auf. Ich musste den Pass zeigen. Wir wurden angewiesen, in das Migrationsbüro zu gehen. Es befand sich rund 100 m abseits. Dort mussten wir uns offiziell abmelden (Ausreisestempel). Laut Andreas ist dies bei ihm noch nie passiert. Der Beamte musste sich da aber beim Datum irgendwie vergriffen haben: in meinem Pass steht tatsächlich, die Ausreise erfolgte am 32. Mai...

Dann fuhren wir über den breiten Fluss nach Guajará Mirím in Brasilien. Dort hat es keine Zollabfertigung - nur eine Gepäckkontrolle. Markus, Richard und ich waren schon etwas enttäuscht: kein brasilianischer Stempel im Pass ;). Man müsste nämlich in ein Gebäude gehen, welches rund 10 Gehminuten entfernt war. Dort könnte man es machen. Der Reiseleiter erachtete dies trotz unserer höflichen Nachfrage als unsinnig - so liessen wir es sein.

Nach rund zwei bis drei Stunden hatten wir genug - die einzigen Attraktionen sind der Hafen sowie die dort aufgestellten Dampflokomotiven - und fuhren wieder über den Fluss auf die bolivianische Seite. Dort angekommen, gingen wir wieder in das Migrationsbüro, um den Einreisestempel zu kriegen. Sonst würden wir bei der Heimreise Probleme bekommen.

Doch oh weh, der Einreisestempel wurde uns verweigert: das heisst, keine Einreise nach Bolivien!

Der Offizielle machte uns klar: ohne brasilianischen Ausreisestempel kein Einreisestempel für Bolivien. Was machen? Wir mussten wieder mit dem Boot nach Brasilien zurückfahren. Im Nachhinein ärgerten wir uns natürlich, dass wir dies nicht gleich vorher getan hatten, d.h. den Reiseleiter umzustimmen. Nun, wir suchten das Gebäude der «Polícia Federal» auf, das ist die brasilianische Bundespolizei. Den Beamten im portugiesischsprachigen Brasilien sagten wir, was wir wollten: zwei Stempel: den Einreise- und den Ausreisestempel. Dies zu erklären, war sehr schwierig (mit handschriftlichen Notizen in einem Mix aus Spanisch und Englisch, sowie Skizzen). Sie begriffen es einfach nicht - wer tut schon einreisen, um gleich wieder auszureisen; und das noch auf dem offiziellen Weg.

Nach einer Ewigkeit (vielleicht 1 Stunde) verstand der Beamte uns so: wir hätten vergessen, bei der Einreise einen Stempel zu holen, was wir jetzt nachholen wollten. Gleichzeitig bitten wir um den Ausreisestempel. Da sagten wir sofort: ja, genau so. Hauptsache, die Stempel sind im Pass.

Wir liefen wieder zum Fluss und setzten uns zur bolivianischen Seite über. Die Bootsgesellschaft verdiente wohl prächtig an uns.

Im bolivianischen Migrationsbüro bekamen wir den ersehnten Einreisestempel, immerhin steht dort 2. Juni, nicht 32. Mai. Im Nachhinein dachte ich: vielleicht hoffte der Beamte bloss, dass wir ihn bestechen würden und wir uns so dieses Theater ersparen könnten.

Wir schauten uns noch ein bisschen die bolivianische Stadt Guayaramerin an, ehe das Taxi, der den ganzen Tag auf uns wartete, uns über die 90 km lange, mautpflichtige(!) Schotterpiste zurückfuhr. Das Taxi war ein nicht gerade geländetauglicher VW Gol (ähnlich VW Polo, nicht zu verwechseln mit VW Golf), doch der Fahrer fuhr stets rund 100 km/h durch den Urwald, Schlaglöcher mehrheitlich ignorierend... Die Taxifahrt über 180 km plus 6 Wartestunden in Guayaramerin kostete übrigens total 40 Franken. Der Fahrer war happy, beschert diese Fahrt ihm doch Nahrung für ein paar Tage (wenn ich aber die Ausgaben für Benzin, Autonebenkosten usw. denke, ist es mir doch schleierhaft, wie er daran verdienen kann).

Dazu noch zwei kleine Anekdoten:

Alltäglicher Streik

Nach unserem Aufenthalt in Riberalta planten wir noch eine Zusatzwoche in Cochabamba im Hochland - Daniel Fenners «Lieblingsstadt».

Im Voraus waren wir unsicher, ob wir überhaupt dorthin kommen könnten (siehe auch letzte Gemeinschaft). In der Zwischenzeit sah es besser aus. Wir flogen von Riberalta nach Santa Cruz. Dort wollten wir Billete für die Busfahrt nach Cochabamba kaufen. Die Abfahrt wäre am nächsten morgen gewesen, die Fahrt würde eine Tagesreise bedeuten.

Doch der fleissige Zeitungsleser Daniel schnappte Berichte von einem LKW-Streik auf. Das Hotel in Santa Cruz klärte daraufhin für uns ab, ob die Busse nach Cochabamba fuhren. Die Antwort lautete: nein, sie fuhren nicht.

Wir hatten die Wahl: entweder blieben wir die ganze Woche in Santa Cruz oder wir nahmen ein Flugzeug nach Cochabamba. So gingen wir in ein Reisebüro. Wir hatten Glück. Wir bekamen Retourbillete für das Flugzeug nach Cochabamba. So konnten wir am nächsten Tag nach Cochabamba fliegen.

Fussballverrückte Südamerikaner

Während unseres Aufenthalts in Cochabamba begann die Fussball-EM. Wir dachten, wir würden kaum was davon mitbekommen - wir waren ja in Südamerika.

Doch wir wurden eines Besseren belehrt: so ziemlich jedes Restaurant, in dem wir waren, hatte die EM im Fernsehen live gezeigt, ein argentinischer Sportsender versorgte Bolivien damit. Die Präsenz der EM war so, als wäre man in Europa. Auch in den Zeitungen war die EM das Hauptthema, die lokale Zeitung von Cochabamba widmete der EM an einem gewöhnlichen Spieltag gleich 6 ganze Seiten - Schweizer Zeitungen berichteten über die Heim-EM weniger ausführlich. Ich bekam fast Heimatgefühle, wenn ich die Bilder Schweizer Städte, Stadien oder Fans am TV sah.

Essen

Schweizer Schokolade ist in Bolivien nicht Mangelware. Es hat in fast jedem Laden eine recht grosse Auswahl. Der Unterschied ist: während man bei uns diese Schokolade in Selbstbedienung in den Einkaufskorb reintun kann, wird die Schokolade dort in einer beleuchteten und abgeschlossenen Vitrine präsentiert - so gesehen in einem Laden in Cochabamba. Eine Tafel Lindt-Schokolade oder eine Toblerone kostet dort rund 2 Franken - Luxus pur. Zum Vergleich: es entspricht rund 40 Bananen. Oder: ein Abendessen mit Rindfleisch kostet im Restaurant «nur» 2 bis 3 Franken.

Anderseits ist Getreide in Bolivien auch nicht billig. Es ist teuer geworden: 1 Kg Brot kostet 1.50 Fr.

Was mich überraschte: es hat auch viel Importware: viele Produkte, die wir kennen, kann man in Cochabamba und vor allem in Santa Cruz ohne Probleme kaufen (Schweizermesser, Swatch, Red Bull ... auch Modehäuser sind bekannt). In Riberalta dagegen ist so was unbekannt. Im einzigen Supermarkt von Riberalta ist selbst Coca Cola ein Problem: die Dosen im Kühlfach dort waren entweder verrostet oder bereits geöffnet... Nichts für mich.

Schlafprobleme

Nichts für mich ist auch die Stadt Cochabamba. Es herrscht dort eine extrem trockene und dünne Luft (2500 m.ü.M.). Es ist ähnlich wie in den Hochalpen. Dazu kommt der starke Smog. Zudem hatte ich noch ein Problem: Schnupfen. Dies alles zusammen sorgte dafür, dass ich die Nächte nie durchschlafen konnte. Ich wachte immer wieder mit einem ganz trockenen Hals auf. Eine Mineralwasserflasche neben dem Bett war daher obligatorisch. Es war für mich ein wahrer Segen, nach dem Aufenthalt in Cochabamba wieder in Santa Cruz im Tiefland zu sein - und durchschlafen zu können. Dort in Santa Cruz herrscht feuchte Luft, ähnlich wie in Riberalta, was ich gerade nach dem Cochabamba-Aufenthalt als sehr angenehm empfand. Daniel, der noch zwei weitere Wochen in Cochabamba ausharren musste, tat mir da schon irgendwie leid. Der wurde nämlich auch krank, so dass Richard, Markus und ich die Gegend auf eigene Faust erkundigen mussten.

Gottesdiensthäuser

Gottesdienste in Riberalta und in Cochabamba: Während wir in Riberalta den Gottesdienst am Samstagabend (am Sonntag war Abstimmung, d.h. Gottesdienstverbot) in einer «anständigen» Kirche unter der Leitung des Missionars Andreas Kolb feierten, hat mich die «Kirche» in Cochabamba doch etwas erstaunt. Gefeiert wurde im Rohbau eines Hauses. Das heisst: die Inneneinrichtung fehlte. Man sah die Verstrebungen, hängende Kabel, Beton, Baumaterialien usw. gut. Fenster fehlten natürlich auch. Man spürte den kalten Wind. Das Ganze ist nicht ganz ungefährlich: das Geländer bei den Treppen hinauf zum Gottesdienst im 2. Stock fehlte auch, d.h. man kann gut stürzen. So wird seit Jahren Gottesdienst gefeiert. Wir sehen: Bei Gott geht es nicht um prunkvolle Häuser, sondern um den Inhalt. Es kamen rund 30 Gehörlose, vor allem Jugendliche.

Bolivien-Brasilien-Paraguay-Brasilien

Bei der Heimreise flogen wir, Richard, Markus und ich, von Santa Cruz aus nach Asunción (Hauptstadt von Paraguay). Obwohl das Flugzeug am morgen früh pünktlich abflog, landeten wir etwa 45 Minuten später als geplant. Dort angekommen, wollten wir aufstehen, um das Flugzeug zu verlassen. Die Stewardessen baten uns daraufhin eindringlich, sitzen zu bleiben. Sie schienen ob unseres Ansinnens, das Flugzeug zu verlassen, erstaunt und verwirrt zu sein - was mich verwirrte. Gut, dann warteten wir halt. Ich schaltete mein Handy ein. Das Handy buchte bei einem brasilianischen Netzbetreiber ein. Das verwirrte mich endgültig. Denn Asunción liegt an der paraguayisch-argentinischen Grenze - weit weg von Brasilien. Richard beobachtete vom Fenster aus den Flughafen und bemerkte, dass es nicht Asunción sein konnte, der Flughafen sähe anders aus. Da hatte er Recht. Ich ging also nach vorne und fragte einen Steward, was los sei. Richard fragte dasselbe einen Mitreisenden. Ach so, natürlich erfahren es die Gehörlosen zuletzt: das Flugzeug befand sich in Campo Grande, irgendwo im Südwesten von Brasilien - es musste zwischenlanden, da das Wetter in Asunción zu schlecht sei. Jetzt waren wir also schon an allen Ecken von Brasilien: in Recife im Nordosten bei der Zwischenlandung während der Hinreise, in São Paulo im Südosten, in Guajará Mirím im Nordwesten und jetzt in Campo Grande im Südwesten.

Mit erheblicher Verspätung kamen wir dann in Asunción an. Dort mussten wir - trotz Verspätung - ca. 8 Stunden warten. Wir gingen also durch den Zoll (unsere Pässe hatten immer mehr Stempel) und bummelten ein bisschen durch die Vororte von Luque (wo der Flughafen sich befindet) und assen in einem Einkaufzentrum. Das Restaurant dort erinnert an ein Migros-Restaurant. Fast alles Selbstbedienung. Es steht sogar ein Mikrowellenherd für das Aufwärmen des Essens bereit. Kreditkarten werden selbstverständlich akzeptiert. Ganz modern also. Ich nahm mal - endlich - etwas Europäisches: Schnitzel mit Pommes Frites. Mein billigstes Schnitzel bisher, ca. 2.50 Fr.

Was auch von Paraguay haften bleibt (bisher verband ich Paraguay bloss mit Fussball): die dortigen Banknoten sahen aus wie benutztes WC-Papier und fühlten sich auch so an (sorry!). Man mag es kaum in die Hände nehmen.

Am Abend ging es dann wieder nach Brasilien, dieses Mal nach São Paulo.

 

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