Christliche Gehörlosen-Gemeinschaft

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Projektinformationen: Drei Wochen in Riberalta

Bolivien – immer einen Flug wert

Durch eine gute Freundin ermuntert, mich beruflich mit Gebärdensprache zu beschäftigen und auf der Suche nach einer Praktikums-Stelle bei gehörlosen Christen, kam ich auf die Website der CGG Schweiz. – Als ich dann auf das ‹Projekt Bolivien› stiess, war ich gleich sehr interessiert und habe Kontakt aufgenommen. Ich fing an, Spanisch zu lernen und Gott zu fragen, ob er mir das wohl gezeigt habe...

Flug nach Bolivien

Am 11. September 2006 war es soweit: Ich flog in Frankfurt/Main ab und landete am 12. September in Riberalta. Andreas und Sara Kolb holten mich beim Flugplatz ab. Im Centro angekommen, wurde ich gleich einer Klasse von hörenden und gehörlosen Bolivianern und Carole Lehmann vorgestellt.

Beim Abendessen unterhielten wir uns mittels Lippenlesen, Gebärden und schriftlichem Deutsch recht gut. Ich war angekommen in einer mir in jeder Hinsicht fremden Welt; es war für mich das erste Mal, dass ich so intensiv mit Gehörlosen zusammenlebte. Kommunikation mit Händen, dem Gesicht, dem ganzem Körper, ohne viel Geschrei und Lärm ist etwas Faszinierendes.

Allerdings gab es natürlich auch einige Hörende dort, und obwohl ich in Deutschland schon einen Spanisch-Anfängerkurs belegt und Vokabeln gelernt hatte, verstand ich am Anfang gar nichts auf Spanisch, die bolivianische Gebärdensprache noch eher.

Morgens besuchte ich meistens den Schulunterricht und versuchte, so viel wie möglich zu verstehen. Sobald die Kinder sich an mich gewöhnt hatten, fingen sie an, mich auch zu ‹unterrichten›, d.h. mir die korrekte Ausführung einer Gebärde zu zeigen. Das hat sowohl ihnen als auch mir grossen Spass gemacht.

Nach dem reichlichen und sehr leckeren Essen – ein Hoch auf Saras Kochkunst! - half ich nachmittags bei der Herstellung von Schulmaterialien oder übte Gebärden und Vokabeln. Um 16:30 war Nachmittagsandacht; Carole Lehmann hat mir, so oft sie es einrichten konnte, übersetzt.

Am Donnerstag war abends der ‹Club Arca›, zu dem erwachsene Gehörlose kamen mit ihren teilweise hörenden Kindern (die in der Zeit Kinderstunde bei Carole hatten). Ricky, ein gehörloser Lehrer, und Andreas führten ein Anspiel vor.

Ausserdem wurde ich an diesem Tag 19 und die Schüler haben mir sogar ein Ständchen gesungen (in bolivianischen Gebärden, Carole hat übersetzt), was mich total freute.

Freitags und mittwochs war Gebärden-Kurs für Anfänger, Ricky leitete ihn und die Teilnehmer waren alles hörende Bolivianer.

Am Samstag war Kircheputzen dran als Vorbereitung für den Sonntagsgottesdienst. Danach ging ich mit Carole zu Fuss durch Riberalta zur Mission Suiza. So bekam ich einen ersten Eindruck von der Stadt: sehr lauter Verkehrslärm, viele Menschen, Hunde und Hühner an der Strasse, vor den Hütten und Verkaufsständen, Tankstellen, an denen Benzin in offenen Colaflaschen verkauft wird (!).

In der Nacht, die ich bei Carole verbringen durfte, hörte ich laute Musik von Karaokediskos, Hähnekrähen, ganze Froschkonzerte und andere schwer zu definierende Geräusche... Sehr aufregend!

Sonntag Mittag war mein erster ‹Markt-Tag›, ich ging mit Carole einkaufen: Unzählige kleine mit Waren vollgestopfte Stände, viele verschiedene exotische Früchte, dazu der Verkehrslärm, die Hitze, der Staub und die vielen Menschen...

Nachmittags haben Kolbs mit mir eine Stadtrundfahrt gemacht und mein Bild von Riberalta wurde schärfer: die zwei Flüsse ‹Beni› und ‹Madre de Dios›, die wunderschöne Natur, das intensive Grün zu der eher roten Erde, die vielen freundlichen Menschen mit ihren dunklen Augen, aber auch die Hütten der Armen und der Allerärmsten - Indianer, die am Fluss in Zelten aus Plastikplanen hausen - baufällig aussehende Gebäude im Gegensatz zu einzelnen Villen der Reichen, dem schön angelegten Stadtpark mit verschiedensten Bäumen wie Kautschuk, Paranuss, Bananen und Mangos, das Fussballfeld und der Spielplatz.

Andreas, Sara, Carole und Gustavo, ein hörender Lehrer, erzählten mir einiges über Bolivien, seine Kultur, Politik und Mentalität. Dass man in Riberalta viel Zeit hat, konnte ich bei den Ausflügen in die Stadt mit Carole und Andreas beobachten. Kein Einheimischer bewegt sich so eilig wie ein Europäer. Ich erfuhr, dass es viel Korruption, Betrug und Diebstahl gibt und es für Christen deshalb nicht einfach ist, dort zu leben.

Andreas bei einem Interview

Andreas bei einem Interview

In der zweiten Woche meines Aufenthalts wurden grosse Vorbereitungen getroffen für den Gehörlosenmarsch durch Riberalta am Weltweiten Gehörlosentag. Es wurden Plakate gemalt und ein Stand in der Stadt vorbereitet, an dem die Besucher auf der Plaza Gebärden und das Fingeralphabet üben konnten.

Abends ging Andreas zu einem Interview und wir konnten ihn wenig später auf dem Bildschirm sehen, zusammen mit anderen wichtigen Vertretern der Schulbehörde. Emelina, eine Sekretärin im Centro, übersetzte für die gehörlosen Fernsehzuschauer.

Der 20.09. war dann ein ganz besonderer Tag für die Gehörlosen, der dazu beitrug, dass ihnen mehr Beachtung und Respekt zuteil wurden. Während dem Marsch wurden Böller gezündet, die Schüler und Lehrer trugen weisse Handschuhe, um die Leute aufmerksam zu machen, Ansprachen wurden gehalten, sogar im Fernsehen wurde davon berichtet.

Am nächsten Tag regnete es zum ersten Mal, seit ich da war. Dadurch kühlte es auf ca. 23°C ab (vorher 39°C im Schatten!). Sehr angenehm nach dieser schwülen Hitze. Der Regen setzte mit einem regelrechten Sturm ein. Riesige Wassermassen kamen herunter, setzten in kurzer Zeit die Strasse unter Wasser, im Centro konnte es durch die Abwasserrinne abfliessen. Das Büro mit offenen Fenstern wurde in aller Eile mit einer Plane geschützt.

Am Sonntag war Jugendkreis, den Carole zusammen mit Ricky und Fabiola leitet. Auf der Mission Suiza wurde ein Film geguckt, gemeinsam gekocht, gegessen und im Regen Fussball gespielt. – Bei Carole wurde dann bei heissem Tee Memory gespielt.

Selma bei den Marinos

Selma bei den Marinos

In der letzten Woche durfte ich u.a. dabei sein, als Jugendliche zum Krankenhaus zur Blutentnahme gingen, als Emelina zur Meldebehörde ging, um einen Pass abzuholen und als die gehörlosen Schüler von den Marinos, den Flusssoldaten, zu einem Tag der offenen Tür eingeladen wurden und sogar auf einer Flussfahrt ein Schiff lenken durften. Die Marinos durften von den Kindern das Fingeralphabet lernen. Es wurde Theater gespielt, Fussball und Volleyball.

Am letzten Abend erlebte ich Carole bei einer Kinderstunde, während ‹Club Arca› stattfand, wie sie mit einem Anspiel mit Handpuppen und Gebärdenspiel die Kinder begeisterte, sehr lehrreich für mich.

Ich bin der Schweizer Gehörlosengemeinschaft und allen anderen Beteiligten sehr, sehr dankbar, dass sie mir diese unbeschreiblich schöne Reise ermöglicht haben. Tausend Dank an Sara und Andreas Kolb sowie Carole Lehmann für ihre Gastfreundschaft! Nicht zu vergessen die wunderschöne Zeit mit Familie Callo in Santa Cruz!

Meine Abschiedsgeschenke, ein Beutel Paranüsse und ein wunderschönes Bild eines einheimischen Malers, begleiteten mich zurück ins kalte Deutschland.

Selma

 

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