Christliche Gehörlosen-Gemeinschaft

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Mein Aufenthalt in Bolivien

Nadine Hauser verweilte in ihrem Zwischenjahr in Bolivien und arbeitete als Pratikantin an der Arca in Riberalta. Sie schreibt uns ihre Erlebnisse.

Mein Aufenthalt in Bolivien

Gegensätze, Spinnen, Spass, Töfftaxis und ganz viele liebe Leute…

Schon lange vor meiner Matura wusste ich genau, dass ich nach dem Abschliessen des Gymnasiums unbedingt ein Zwischenjahr einlegen wollte. Ich wollte auch unbedingt etwas machen, was ich in meinem ganzen Leben wahrscheinlich nie mehr machen kann. Da ich jemand bin, der anderen gerne hilft und offen und interessiert ist an anderen Menschen und Kulturen, habe ich mich entschlossen, für eine Zeit lang einen Sozialeinsatz in einem fernen Land zu machen. Da meine Eltern beide auch hörbehindert sind, war die Gehörlosenschule ‹Arca› Maranata in Riberalta/Bolivien für mich der ideale Ort für meinen Sozialeinsatz. Ich habe mich also mit Andreas Kolb in Verbindung gesetzt und er und Carole Lehmann haben sich netterweise sehr engagiert, um mir meine Reise und meinen Aufenthalt in Bolivien zu ermöglichen. So kam es, dass ich mich am 31. Juli 2007, nachdem ich mich unter Tränen von meinen Lieben zu Hause verabschiedet hatte, voller Vorfreude und Neugier in das Flugzeug Richtung Cochabamba/Bolivien setzte.

Meine Zeit in Cochabamba habe ich vor allem dazu genutzt, in der familiären Sprachschule ‹Instituto de Lenguas y Cultura Andina› Spanisch zu lernen. Dank den tollen Lehrern, meiner lieben Gastfamilie und etwas Fleiss konnte ich rasch grosse Fortschritte erzielen und mich bald recht gut mit den Menschen in meinem Umfeld verständigen.

Nachdem mir das Leben in Cochabamba und die Leute nicht mehr ganz fremd waren, hatte ich schon etwas mit dem Heimweh zu kämpfen. Dem war aber dank dem Internet etwas abzuhelfen und so habe ich es immer sehr genossen, etwas von meinen Lieben zu Hause zu erfahren und ihnen etwas berichten zu können.

Obwohl Cochabamba einer schweizer Stadt gar nicht so unähnlich ist, sind mir doch so einige Dinge aufgefallen, die ich von der Schweiz ganz anders kannte. Zum Beispiel der Lärm in der Nacht, der von den vielen bellenden Hunden oder den Autos auf den holprigen Strassen kommt. Auch das Stadtbild war für mich teilweise fremd. Was mir sehr auffiel war, dass die Gegensätze ’Reich’ und ’Arm’ sehr nahe nebeneinander zu finden sind, also zum Beispiel ein sehr reich aussehendes Haus neben einem Haus, das aussieht, als würde es bald zusammenfallen. Auch an kleinste Dinge, wie z. B. dass man sich hier nicht ‹Gesundheit› sagt, wenn einer niest, musste ich mich gewöhnen. Da ich mich aber darauf eingestellt hatte, dass in Bolivien so einiges anders sein wird als in der Schweiz und ich genau an diesen Unterschieden sehr interessiert war, fiel es mir nicht schwer, mich an das Leben in Cochabamba zu gewöhnen. Dabei half mir auch die offene und liebe Art meiner Gastfamilie und aller Leute aus meinem Umfeld sehr.

Am 29. August stieg ich dann in das Flugzeug der TAM (Transporte Aéreo Militar) in Richtung Riberalta. Den Flug habe ich sehr genossen, da ich zum ersten mal den Regenwald in echt sah. Das war schon sehr beeindruckend: wo ich auch hinsah, überall war Wald! Und auch die See- und Flusslandschaft bei Trinidad war aus der Luft wunderschön anzusehen.

In Riberalta angekommen habe ich mich riesig gefreut, Andreas und Carole endlich von Gesicht zu Gesicht zu sehen. Die beiden haben mich dann mit der Camionetta von Andreas durch Riberalta zu der ‹Misión Suiza›, wo ich in einer Wohnung wohnen konnte, gebracht. Von der Wohnung, die natürlich mit einer schweizer Wohnung nicht zu vergleichen ist, war ich geradezu begeistert: es gab da ein Bad mit WC und Kaltwasserdusche, alles war aus Holz gebaut und das Beste: ich hatte sogar eine eigene Hängematte! In dieser Hängematte habe ich so einige Male meine Siesta genossen und durch das Mückennetz aus meinem scheibenlosen Fenster in die paradiesisch grüne Umgebung geschaut.

Schon am nächsten Morgen nach meiner Ankunft besuchte ich zum ersten Mal meinen neuen Arbeitsplatz für die nächsten gut 2 Monate: das Zentrum der Gehörlosen ‹Arca› Maranata. Andreas stellte mich dann nach dem morgendlichen Gebet allen vor und ich konnte auch gleich Fragen nach meinem Alter, meinem Zivilstand und meiner Aufenthaltsdauer etc. beantworten. Das heisst ich liess sie mehr oder weniger von Andreas beantworten, denn obwohl ich mit der Gebärdensprache in der Schweiz mehr oder weniger vertraut bin, verstand ich von der bolivianischen Gebärdensprache zu Beginn so ziemlich gar nichts. Aber nicht nur die Gebärdensprache war für mich fremd, sondern auch, dass die Gehörlosen in Bolivien praktisch gar nicht in der Lautsprache oder mit dem Lippenlesen kommunizieren, wie das doch Hörbehinderte in der Schweiz u.a. tun. Und was mir am Anfang auch Probleme bereitete war, dass ich statt Deutsch nun Spanisch mit Gebärden koppeln musste.

Eine grosse Hilfe beim erlernen der bolivianischen Gebärdensprache war mir die Offenheit der Schüler und der Mitarbeiter der ‹Arca›. Mich berührte es sehr, wie schnell die Leute auf mich zukamen, mich etwas fragten oder etwas erzählten oder mich einfach nur anlächelten. Ich hatte so die Möglichkeit, sehr schnell sehr viel zu lernen und mich so immer besser mit den Hörbehinderten zu verständigen, und wenn es doch mal ein Problem mit der Verständigung gab konnte ich immer Carole, Andreas oder einen der hörenden Mitarbeiter um Hilfe bitten.

Ich habe in der Arca vor allem Schulmaterial hergestellt, Kopieraufträge erledigt, Fotos der Schüler und der Klassen gemacht und ein Programm zum Erlernen von Wörtern vom Englischen ins Spanische übersetzt. Ich war die meiste Zeit sehr motiviert, meine Arbeit zu erledigen, da ich wusste, dass sie etwas Gutem diente und da sie auch abwechslungsreich war.

Meine Freizeit habe ich meistens mit Carole zusammen verbracht, so haben wir z. B. meistens gemeinsam gegessen und die Hausarbeiten erledigt. Auch durfte ich ihr beim Leiten des Jugendtreffs der Gehörlosen helfen, worauf ich mich immer sehr freute. Wir haben jeden zweiten Sonntag ein Programm aus Sport, Andacht, Essen, Spiel und Spass zusammengestellt. Die Jugendlichen, die etwa in meinem Alter sind, waren immer mit Begeisterung dabei und ich denke, dieser Jugendtreff tut ihnen jedes Mal sehr gut, denn sie können zusammen Spass haben, sich untereinander austauschen und miteinander kommunizieren, was leider in der Familie nicht bei allen der Fall ist. Für den letzten Jugendtreff haben Carole und ich uns einige witzige Spiele einfallen lassen. So haben wir zum Beispiel mit zwei mit Wasser gefüllten Abwaschmittelflaschen und zwei leeren Joghurtbechern ein Joghurtbecher-Spritz-Rennen gemacht.

Neben den Jugendtreffs war auch der ‹Día del Estudiante› (Tag der Schüler) ein Höhepunkt meiner Zeit in Riberalta. Alle Schüler und Mitarbeiter der ‹Arca› fuhren mit einem grossen Bus hinaus aufs Land auf das wunderschöne Grundstück eines Schweizers. Dort gibt es sehr viel Platz zum Spielen, ein Beachvolleyballfeld, einen Tennisplatz, einen See zum Baden und einen See zum Ruderboot fahren u.v.m. Wir sind dann in Gruppen in verschiedenen Spielen gegeneinander angetreten und haben den Rest der Zeit im Wasser verbracht. Den ganzen Tag lang wurde viel gelacht und genossen.

Es gab aber auch ein paar Dinge in Riberalta, die ich nicht so geniessen konnte. Dazu gehören zum Beispiel der viele Rauch, der in der Luft liegt, wenn wieder Regenwald abgebrannt wurde, der viele Staub, der einem in der Lunge und auf den Augen liegt oder die Mittagshitze, bei der man es draussen in der Sonne oder beim Kochherd kaum aushält. Für mich war es auch nicht immer angenehm, als blonde junge Schweizerin angestarrt oder ‹angemacht› zu werden. Und all die Spinnen, Kakerlaken, Käfer, Frösche und Ameisen in der Wohnung in Riberalta vermisse ich auch nicht.

Am 23. Oktober landeten ich und Carole, die momentan im Heimaturlaub ist, glücklich und um einige Erfahrungen reicher in Zürich. Was ich jetzt in der Schweiz neben all den neu gewonnenen Freunden in Riberalta auch etwas vermisse sind die Töfftaxis. In der Hitze von Riberalta war es immer sehr angenehm, auf einem Töfftaxi im kühlenden Fahrtwind heimgebracht zu werden - es ist halt etwas ganz anderes als ein normales Auto-Taxi.

Ich möchte all denen, die mir in Cochabamba und Riberalta eine so schöne, interessante und unvergessliche Zeit ermöglicht haben und mir sehr ans Herz gewachsen sind, noch einmal vielmals danken! ¡Muchas Gracias!

Nadine Hauser

Aus der Gemeinschaft Januar 2008